Schimpansen und Gesundheit

Aktualisiert: 1. Okt 2021

Im Englischen gibt es den Ausspruch: „Health is wealth!“. Natürlich gilt das für alle Spezies, die auf diesem Planeten leben. Aufgrund des Umstands, dass Schimpansen als bedrohte Spezies gelten ist es selbstverständlich, dass auch für sie Gesundheit eine kritische und entscheidende Rolle spielt. Deshalb wollen wir heute das Thema Gesundheit etwas genauer betrachten. Dafür wollen wir einigen Fragen auf den Grund gehen, wie zum Beispiel: Warum steigt die Mortalitätsrate? Welche Einflüsse hat die Pandemie auf die Gesundheit der Schimpansen? Haben Schimpansen die Fähigkeit zur Selbstmedikation? Zu guter Letzt wollen wir dann noch einen Blick auf die Richtlinien werfen, die an unserem Forschungsstandpunkt angewandt werden, damit die Gesundheit der Schimpansen nicht gefährdet wird.


Bezüglich der Mortalitätsrate gibt es zum einen natürliche Gründe. Dazu gehören Krankheit, Kämpfe zwischen verschiedenen Horden oder aggressives Verhalten zwischen Schimpansen unabhängig von der Horde der sie zugehörig sind. Diese Befunde lassen sich mit vernachlässigbaren Abweichungen überall feststellen. Nichtsdestotrotz gibt es auch andere Gründe, wie beispielsweise Verlust von Lebensraum (durch den Menschen) oder Wilderei. Im Großen und Ganzen sterben die verbleibenden Schimpansen die es gibt aber an natürlichen Krankheitsverläufen. Spitzenreiter sind hier die Atemwegserkrankungen (Williams und Kollegen, 2008). Jedoch ist nicht zu vernachlässigen das der Kontakt von Mensch und Schimpanse dazu führen kann, dass Viren oder Bakterien ihren Weg in den Lebensraum den Schimpansen finden. Passiert das, fehlen den Schimpansen in der Regel die Möglichkeiten das drohenden Unheil über ihr Immunsystem abzuwenden. Unabhängig davon ist auch noch wichtig zu sagen, dass auch die Überlebensrate von kleinen Schimpansen sehr gering ist, falls die Mutter frühzeitig verstirbt (Williams und Kollegen, 2008).


Aggressionen zwischen verschiedenen Schimpansenhorden wirken sich am stärksten auf die Männchen aus, aber auch die kleinen Schimpansen werden teilweise in Mitleidenschaft gezogen, unabhängig vom Geschlecht (Mitani und Kollegen, 2010). Gründe für das Davonscheiden nach dem Aufeinandertreffen der Horden sind in der Regel starke Verletzungen, denen die Schimpansen dann anschließend erliegen. Aggressionen, die vom Menschen ausgehen (Wilderei), sind ein afrikaweites Thema. Die Präsenz von Wissenschaftlern kann sich zwar gut auf Letzteres auswirken (als Lesetipp hier unser Artikel „Warum Forschung Schutz bedeutet!“), kann aber genauso gut das Risiko erhöhen, dass Krankheiten von Mensch auf Schimpanse übertragen werden (Köndgen und Kollegen, 2008).


Die Pandemie hatte starken Einfluss auf uns Menschen, aber wie steht es um unsere evolutionär engen Verwandten? Ist SARS-CoV-2 auch ein Problem für sie? Die Antwort ist ja und schimmerte schon ein wenig durch unseren bisherigen Beitrag hindurch. Zum einen kann es durch Forschungsarbeit mit habituierten Schimpansen passieren, jedoch sind Wilderei und Affentourismus auch Teil der Gleichung. Der Affentourismus stellt sich als Dilemma dar, da er in vielen Ländern auch eine wichtige Quelle an Einnahmen darstellt, die dem Risiko der Krankheitsübertragung gegenübersteht. Verluste von Einnahmen könnten sich wiederum negativ auf die Maßnahmen zur Erhaltung von Schimpansen auswirken. Bei uns in Loango hat aufgrund der Gefahren die von UNS ausgehen der Schutz der Schimpansen höchsten Stellenwert.


Nun gut… jetzt ist aber erstmal Schluss mit dem Negativen und wir wechseln zu etwas interessanterem! Es gibt nämlich die Vermutung, dass traditionelle Heilmedizin sich daraus entwickelt hat, dass unsere Vorfahren sich das Verhalten bei anderen Tieren abgeschaut haben. Schimpansen sind hierbei nur eine von vielen Spezies die bei Selbstmedikation beobachtet wurde (Huffman, 2001). Dabei machen sie sich die Ressourcen ihrer Umgebung zu nutze. Dieses Verhalten nennt man auch Zoopharmakognosie (Daoudi, S., 2016). Die zwei markantesten Verhaltensweisen, die man diesbezüglich beobachten konnte sind das Schlucken von Blättern und Kauen auf bitteren Kernen. Erste Beobachtungen dazu stammen aus Tansania und Uganda (Huffman, 2001). 1983 waren Wissenschaftler überrascht als sie bei Schimpansen feststellten, dass diese die Blume Aspilia zu sich nahmen. Überraschend war es, weil die Aspilia keinen Nährwert für die Schimpansen hatte (Wrangham und Kollegen, 1983). Erst 13 Jahre später fand man heraus, dass dieses Verhalten mit Selbstmedikation in Verbindung steht. Die Schimpansen versuchen sich über die Einnahme der Aspilia von einem Parasiten zu befreien (Huffman und Kollegen, 1996). Dabei ist interessant, dass die Blätter rau und stachelig sind. Diese Eigenschaft ermöglicht es, dass die Blätter am Parasit haften bleiben und er über das Verdauungssystem ausgeschieden werden kann. Nun aber auch noch zu den besagten bitteren Kernen. Diese stammen von der Vernonia Amygdalina. Auch hier haben Wissenschaftler festgestellt, dass ihr Konsum mit schlechter Gesundheit in Verbindung steht. Was bewirken die Kernen der Vernonia Amygdalina? Sie helfen bei einer Wurminfektion! Eine Studie von Huffman (2001) zeigte, dass die Symptome der Infektion circa 20-24 Stunden nach er Einnahme der Kerne besser wurden. Es werden aber noch mehr Pflanzenspezies genutzt! Jedoch haben sie alle eines gemeinsam: die raue und stachelige Oberfläche. Die Dosis der Medikation kann variieren (~1-60 Blätter).


Bilderquellen: João Medeiros und Forestowlet


Nun aber doch noch einmal zurück zu uns Menschen. In unserer sich stetig verändernden Welt kommen Menschen und andere Spezies unweigerlich in Kontakt. Wie bereits weiter oben beschrieben hat der Kontakt mit uns für die andere Seite meist keine so rosigen Folgen. Schimpansen und auch andere Menschenaffen werden durch den Menschen und seinen Expansionsdrang und die daraus resultierenden Folgen für ihren Lebensraum immer wieder auf die Probe gestellt. Jedoch wurden gerade für solche Umstände Richtlinien für den Umgang entwickelt um Gesundheit und Sicherheit nicht noch weiter zu gefährden. Bei uns in Ozouga wenden wir daher streng die „Best Practice Guidelines for Great Ape Tourism“ (2010) der „International Union for Conservation of Nature“ (IUCN) an. Auch wenn der Name nicht direkt darauf hinweist, gelten diese Regularien für Forschungsstationen weltweit! Diese Richtlinien vermitteln wie wir ethisch korrekt in geteilten Lebensräumen (Mensch versus Schimpanse in unserem Fall) agieren können. Die wichtigste Regel für die Interaktion hierbei ist DISTANZ! Hier ist sogar festgelegt das es einen Abstand von acht Metern geben muss. Eine Regel, die wir auch bereits vor der Pandemie sehr ernst genommen haben! Zusätzlich dazu gilt, dass unser Einfluss auf das tägliche Leben der Schimpansen sich auf das Minimum begrenzt. Eine weitere wichtige Regel ist das Tragen von Mund-Nasen-Masken. Wissenschafts- und Tourismusprojekte konnten feststellen, dass wir über unseren Atemtrakt einige Krankheitserreger übertragen können, die fatale Folgen für die Schimpansen haben können. Dazu gehören zum Beispiel das humane respiratorische Synzytial-Virus (HRSV), das humane Metapneumovirus (HMPV) oder das Rhinovirus. Das Tragen von Masken ist einfach umsetzbar, günstig und hat sich als effektiv erwiesen!


Zusätzlich zu diesen Regularien gibt es aber auch noch einen anderen wichtigen Aspekt: das Einhalten von Hygienemaßnahmen. 2017 haben wir eine „Hygienebarriere “ in unserem Camp errichtet, die eine klare Trennung von Arbeit in- und außerhalb des Camps ermöglicht. Dazu lagern wir die Kleidung aus der Feldforschung in einer Hütte und jeder muss sich umziehen, wenn man von einem langen Tag wieder zum Camp zurückkommt. Das Händewaschen ist über den ganzen Tag hinweg obligatorisch. Zudem gibt es strenge Regeln, was im Regenwald bleiben darf und was nicht. Wer den ganzen Tag unterwegs ist der muss auch mal auf Toilette. Da das Hinterbliebene aber potentielle Gefahr birgt wird es mit ins Camp genommen und dort entsorgt. Zudem darf auch nur gesundes Personal mit. Wird man mal etwas krank begibt man sich in Quarantäne. In schlimmeren Fällen muss man auch schon mal die Forschungsstation verlassen.

In den letzten Jahren haben wir auch ein Langzeitüberwachungssystem für unsere habituierten Schimpansen eingeführt. Wir überprüfen die Gesundheit unseren Schimpansen täglich und schauen ob sie Krankheitssymptome (Schnupfen, Husten, Diarrhö) aufweisen. Zudem überwachen wir auch den Genesungsprozess von Verletzungen gründlich. Wenn wir einen Schimpansen ausfindig machen der Krankheitssymptome aufweist heften wir uns an seine Fersen (natürlich nach den oben beschriebenen Richtlinien) und versuchen Proben von Blut, Urin oder Kot zu sammeln, wenn es möglich ist. Mithilfe dieser Daten haben wir einen guten Überblick über die Gesundheit unserer Schimpansen.


Wir haben nun ausgiebig erklärt, was wir tun um die Schimpansen in Ozouga bestmöglich zu beschützen. Gibt es etwas was Sie tun können? Natürlich! Sie können uns unterstützen indem Sie die Öffentlichkeit über unsere bedrohten Schimpansen in Kenntnis setzen. Falls es Ihnen möglich sein sollte uns eventuell finanziell zu unterstützen, damit wir unsere Arbeit und damit auch indirekt den Schutz der Schimpansen gewährleisten können wären wir Ihnen auch sehr dankbar. Sollte Letzteres möglich sein folgen sie dem Link, um zu unserem Spendenkonto zu gelangen.


Das war es von uns fürs erste, wir hoffen wir konnten Ihnen ein paar neue und interessante Einblicke bieten. Bis demnächst!


Mit besten Grüßen,

Das Ozouga-Blogging-Team


Quellen:


  1. Daoudi, S. (2016, June 2). How other primates self-medicate – and what they could teach us. The Conversation. https://theconversation.com/how-other-primates-self-medicate-and-what-they-could-teach-us-59869

  2. Wrangham, R.W., Nishida, T. Aspilia spp. Leaves: A puzzle in the feeding behavior of wild chimpanzees. Primates 24, 276–282 (1983). https://doi.org/10.1007/BF02381090

  3. Huffman, M.A., Caton, J.M. Self-induced Increase of Gut Motility and the Control of Parasitic Infections in Wild Chimpanzees. International Journal of Primatology 22, 329–346 (2001). https://doi.org/10.1023/A:1010734310002

  4. HUFFMAN, M. A. (2001). Self-Medicative Behavior in the African Great Apes: An Evolutionary Perspective into the Origins of Human Traditional Medicine. BioScience, 51(8), 651. https://doi.org/10.1641/0006-3568(2001)051

  5. Köndgen, Sophie et al. “Pandemic human viruses cause decline of endangered great apes.” Current biology : CB vol. 18,4 (2008): 260-4. doi:10.1016/j.cub.2008.01.012

  6. Williams, J M et al. “Causes of death in the Kasekela chimpanzees of Gombe National Park, Tanzania.” American journal of primatology vol. 70,8 (2008): 766-77. doi:10.1002/ajp.20573

  7. Mitani, J. C., Watts, D. P., & Amsler, S. J. (2010). Lethal intergroup aggression leads to territorial expansion in wild chimpanzees. Current Biology, 20(12), R507–R508. https://doi.org/10.1016/j.cub.2010.04.021

  8. Best practice guidelines for great ape tourism | IUCN Library System. (2010). Best Practice Guidelines for Great Ape Tourism. https://portals.iucn.org/library/node/9636

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