Das komplexe Sozialgefüge der Schimpansen

Hallo und willkommen zurück ihr Schimpansen-Enthusiasten! Wir sind zurück mit einem neuen Beitrag um euch von dem sozialen Leben der Schimpansen zu erzählen! Wenn es um das Soziale geht, sind Schimpansen nicht weniger auf ihre Freunde angewiesen, als wir auch. Jedoch ist es wichtig auch die klaren Unterschiede zwischen Mensch und Schimpanse festzustellen, mit denen eine Beleuchtung dieses Themas einhergeht. Unser heutiger Artikel wird beide Seiten dieser Medaille etwas genauer betrachten.


Seit Jahrzehnten streitet sich die Wissenschaft über die mentalen Fähigkeiten von Schimpansen und versucht herauszufinden über welchen Grad an "Theory of Mind" (Gallup, 1970) sie möglicherweise verfügen. "Theory of Mind" ist eine wichtige sozial-kognitive Fähigkeit die das Nachdenken über geistige Zustände erlaubt. Zum einen kann über die eigenen, aber auch über fremde geistige Zustände nachgedacht werden.

Eine aktuelle Studie in der Zeitschrift PNAS (Proceedings of the National Academy of Sciences) mit dem Titel "Great apes use self-experience to anticipate an agent’s action in a false-belief test" (2019) lieferte einen wesentlichen Beitrag zu der Frage, inwiefern unsere "nahen Verwandten" ein Verständnis für die Perspektiven anderer haben. Zusätzlich dazu hilft solche Forschung auch dabei klarzustellen, welche Aspekte bereits von 6-9 Millionen Jahren bei unseren letzten gemeinsamen Vorfahren vorhanden waren und welche Aspekte sich ausschließlich beim Menschen entwickelt haben. Zu diesem und umliegenden Themen gibt es insgesamt eine riesige Bandbreite an Studien. Das wesentliche Problem an diesen Studien ist jedoch, dass die Erkenntnisse von Schimpansen in Gefangenschaft stammen. Obwohl die Verhältnisse dadurch nicht automatisch schlecht für die Schimpansen sein müssen, befinden sie sich aber nicht in einem Umfeld, für das ihr Gehirn und ihr Körper sich entwickelt haben. Jedoch lassen sich diese wichtigen Fragen mit Feldforschung fast bis gar nicht beantworten, da viele relevante Faktoren nicht kontrolliert werden können, mal abgesehen von ethischen Fragen die hier noch gar nicht berücksichtigt wurden. Über die Jahrzehnte hinweg haben Verhaltensforscher nichtsdestotrotz viel über Schimpansen gelernt in dem sie sie einfach nur in ihrem Alltag in der Wildnis beobachtet haben. Natürliche Habitate erlauben uns immer wieder spannende neue Dinge über Schimpansen zu lernen und zu entdecken. Zum Beispiel in Bezug auf ihr Zusammenleben und darüber, wie ihr Verstand funktioniert. Schimpansen sind unter anderem für ihre Kooperationsfähigkeit bekannt. Diese zeigt sich besonders deutlich in Jagdsituationen, Verteidigung des Territoriums und in der Bildung von Bündnissen (Boesch, 1994).


Ein weiteres interessantes Thema aus dem Bereich des sozialen Alltags der Schimpansen ist das soziale Lernen. Kurz erläutert, bedeutet soziales Lernen die Weitergabe von Wissen zwischen mindestens zwei Beteiligten. Bei uns Menschen hat dieser Vorgang zu einer facettenreichen kulturellen Welt geführt. Aber wie steht es hier um andere Primaten? Diese Frage wurde unter anderem von Primatologen, Psychologen und Anthropologen lange diskutiert. Bezogen auf Schimpansen lässt sich festhalten, dass sie zwar kein so komplexes Kultursystem besitzen wie wir, es aber dennoch Hinweise auf das Vorhandensein von Kultur gibt. Beispielsweise haben Forscher standortspezifische Unterschiede zwischen Schimpansenpopulationen feststellen können und Verhaltensweisen entdeckt, die über mehrere Generationen weitergegeben wurden. Diese Erkenntnisse überschneiden sich mit dem, was Jane Goodall bereits in ihren ersten Beobachtungen an Schimpansen festgestellt hat. Einige Bereiche in denen Unterschiede zwischen den Populationen ausfindig gemacht werden konnten sind: Werkzeugnutzung, gezieltes Werfen, Nestbau, Körperpflege, Regentänze und Balzrituale. Unterschiede zwischen den Populationen oder auch Gruppen von Schimpansen kann auch bedeuten, dass bestimmtes Verhalten gar nicht gezeigt wird. Besonders interessant ist hier, dass Schimpansengruppen, die sich im gleichen Ökosystem bewegen teilweise komplett unterschiedliche Verhaltensweisen entwickeln obwohl sie Zugang zu den gleichen Materialien haben (Luncz et al., 2012). Teilweise lässt sich das auf eventuelle "Lektionen" zwischen Mutter und Nachwuchs zurückführen, die wiederum gruppenspezifisch sind. Jedoch lernen Schimpansen nicht nur von ihren Müttern, sondern auch von anderen Gruppenmitgliedern. Um unsere Ausführung zu Kultur zu einem Ende zu bringen hier noch ein spannendes Beispiel: Eine Studie konnte nachweisen, dass im Wald des Kibale Nationalparks in Uganda Schimpansen Honig mit Hilfe eines Stocks aus Baumstämmen extrahieren, während die Schimpansen im Budongo-Wald, der knapp 200km entfernt (auch in Uganda) liegt, Blätter zerkauen und diese als eine Art Schwamm benutzen um den Honig aus besagten Baumstämmen zu holen (Brunette, 2020).



Schimpanse isst Schildkröte (standort-spezifisches Verhalten)


Nun wollen wir aber auch noch ein wenig in andere wichtige Themen des sozialen Alltags der Schimpansen eintauchen, die nicht weniger interessant sind: Emotionen. Man geht davon aus, dass Emotionen sich durch Gesichtsausdrücke beschreiben lassen (Ekman & Friesen, 1971). Die Informationen, die so ein Gesichtsausdruck mit sich bringt können einiges über Motivation und Intention verraten. Bei uns Menschen wird diesem Forschungsbereich bereits seit Jahrzehnten nachgegangen (Ekman, 1997). Wissenschaftler haben jedoch auch ein Instrument entwickelt, mit dem es möglich sein soll das ganze auf Schimpansen auszuweiten (ChimpFACS). Das identifizieren prototypischer Gesichtsausdrücke mithilfe dieser Instrumente kann dabei helfen, die Wissenschaft voranzubringen in dem es Standards zur Auswertung zur Verfügung stellt (Parr et al., 1998). Nichtsdestotrotz ist es schwierig gutes Bildmaterial von Emotionen zu erlangen, da sie meist nur in schnell vorübergehenden Situationen zu beobachten sind. Trotz dieser Hürden sind aber dennoch viele spannende Befunde zu Tage geführt worden. Einer dieser Befunde ist, dass Empathie bei Schimpansen nachgewiesen werden konnte und sie sich gegenseitig helfen und unterstützen. Ein Beispiel dafür in Gefangenschaft ist das "Tchimpounga Chimpanzee Rehabilitation Centre". Dort wurde beobachtet das Schimpansenweibchen Waisen "adoptierten". Das ist aber auch etwas, was in der Wildnis beobachtet wurde, wie zum Beispiel im "Tai Chimpanzee Project" in der Elfenbeinküste. Dort hat das Schimpansenmännchen Fredie auch Waisen aufgenommen sich um sie gekümmert und beschützt, bis sie alt genug waren für sich selbst zu sorgen. Es ist auch noch wichtig zu sagen, dass Schimpansen leiden, wenn sie ihrer sozialen Kontakte und ihres natürlichen Umfelds beraubt werden. Das kann sich in Depressionen und anderen negativen emotionalen Zuständen äußern. Obwohl Auffangstationen überall auf der Welt das Beste geben, dass es den Schimpansen gut geht, gehören sie trotzdem in die Wildnis!


Nun da wir ein wenig über die mentalen und kulturellen Möglichkeiten von Schimpansen berichtet haben, lasst uns doch noch ein wenig in die sozialen Strukturen und Hierarchien einsteigen. Aber seit gewarnt, die sozialen Strukturen von Schimpansen sind nicht so simpel wie man eventuell denken könnte und ab und zu ist es möglicherweise so verworren wie bei Game of Thrones (aber Vorsicht: den Vergleich bitte nicht allzu ernst zu nehmen). Jedoch kann das komplexe Gefüge aus Freund, Feind, Gruppe und Machtstrukturen für spannende Phänomene sorgen, die es sich lohnt näher zu untersuchen.


Lasst uns für dieses Thema aber vielleicht ganz "oben" anfangen - mit dem Alpha-Männchen. Um ein Alpha-Schimpanse zu werden gibt es aber nicht nur den einen Weg, sondern es kommt vielmehr auf die Persönlichkeit des jeweiligen Schimpansen an und welchen Stand seine Mutter hat und hatte. Eine Gemeinsamkeit die alle Alpha-Schimpansen jedoch haben, ist ein starkes Bündnis mit anderen untergeordneten Schimpansen. Diese Unterstützer sind essentiell für das Erlangen und Aufrechterhalten von Macht in einer Gruppe. Verbündeter ist aber nicht gleich Verbündeter. Manche sind früher Spielkameraden gewesen, manchmal sind es die eigenen Brüder oder aber "neue Freunde", die ihren Stand in der Gruppe verbessern wollen. Es kann auch sein, dass sich neue Bündnisse formen, um den alten Anführer zu stürzen. Ein Großteil des Lebens eines männlichen Schimpansen dreht sich also um das Auf und Ab im Machtgefüge (für die Interessierten hier ein Link zu einem Beispiel: "The Fall of Ferdinand"). Dieser stetige Machtkampf kann für interessante Einblicke und Veränderungen in das Sozialgefüge der Schimpansen sorgen (Brittany Cohen-Brown, 2018).


Aber wie steht es um die weiblichen Schimpansen? Welchen Platz nehmen sie in der Hierarchie ein? Zuerst einmal ist aber wichtig zu sagen, dass es auch Alpha-Weibchen gibt! Der Hauptunterschied zu denn Männchen ist, dass sie tendenziell weniger Aggression und Gewalt zur Zielerreichung einsetzen. Bei ihnen läuft viel mehr über Langzeit-Beziehungen und Persönlichkeitseigenschaften um den Platz in der Hierarchie zu sichern oder zu verbessern. Jedoch geht es nicht immer so zu. Alpha-Weibchen können auch zum Einsatz von Gewalt neigen, besonders wenn andere Weibchen von niedererem Rang sie verärgern. Den Vorteil den ein Schimpansen-Weibchen vom Alpha-Status hat ist: bessere Chancen auf Fortpflanzung und Zugriff zu besserer Nahrung. Wie bereits erwähnt, hat es der Nachwuchs von höherrangigen Weibchen leichter und genießt in der Regel selbst höheren Status (Brittany Cohen-Brown, 2018).


Ein weiterer interessanter Aspekt über Schimpansen ist das sie keine Kernfamilien haben sondern eher promiskuös sind. Das hat folgenden Vorteil: Keiner weiß so recht wer der Vater ist. Das sorgt dafür, dass Weibchen und ihr Nachwuchs weniger Angst haben müssen angegriffen zu werden und bietet somit indirekten Schutz. In ganz seltenen Fällen kommt es jedoch schon mal dazu das Weibchen (aufgrund von Wettbewerb um Nahrung) und Männchen (aus Rivalität) den Nachwuchs der anderen ihrer Gruppe umbringen. Es ist auch wichtig anzumerken, dass Männchen in der Regel in der Gruppe bleiben in die sie geboren wurden, während die Weibchen um das Jugendalter herum in andere Gruppen wechseln (de Waal, 2005).


Wo wir schon mal beim Thema Männchen und Weibchen sind, ist es nicht uninteressant auch einen Blick auf die "Erziehung" der beiden Geschlechter zu werfen. Hier sollte man sich aber hüten starke Vergleiche zum Menschen zu machen. Zum Großteil sind die Männchen nicht in die Erziehung und Aufzucht involviert. Das hat mit den promiskuösen Strukturen zu tun, die wir eben angesprochen haben. Interessanterweise hat aber eine Studie vor kurzem herausgefunden, das manche Väter ihren Nachwuchs scheinbar doch erkennen und sich dementsprechend positiver gegenüber ihm Verhalten (Murray et al., 2016). Jedoch sind die Gründe dafür noch nicht vollends verstanden. Man kann also sagen, die Mütter haben die ganze harte Arbeit zu bewältigen. Wie auch bei uns Menschen gibt es in der Mutter-Kind-Beziehung bei Schimpansen unterschiedliche Erziehungsstile (im weitesten Sinne). Manche Mütter sind recht protektiv andere sind etwas entspannter.


Mutter mit Kind


Zum Schluss würden wir gerne noch einen Blick auf die düsteren Seiten des sozialen Lebens der Schimpansen werfen. Dafür nehmen wir uns einem Thema an, bei dem wir lange Zeit glaubten es sei einzigartig für uns Menschen - Krieg. Krieg gibt es theoretisch überall dort, wo Schimpansengruppen auf andere Schimpansengruppen treffen. die Gründe dafür können verschieden sein. Beispielsweise kann es motiviert sein durch: Verteidigung des Territoriums, Wettbewerb um Futter, Raub und vieles weiteres. Der bekannteste Vorfall dahingehend war der "Gombe Krieg" der vier Jahre lang in der 1970ern herrschte. Alles begann durch den Tod des Alpha-Männchens. Dadurch spaltete sich die ursprüngliche Gruppe in den "Norden" und den "Süden". Die größere der beiden Gruppen drang anschließend immer wieder in das Gebiet der anderen ein. Stießen sie auf Mitglieder der anderen Gruppe attackierten sie sie und ließen sie zum Sterben zurück. Das führte schlussendlich zur Auslöschung der anderen Gruppe.


Noch seltener als diese Gewalt zwischen Schimpansen ist die Gewalt zwischen Schimpansen und anderen Spezies. Hier bei uns in Loango haben wir 2019 die ersten Beobachtungen von Schimpansen gemacht, die Gorillas attackierten. In beiden Fällen waren die Schimpansen in der Überzahl. Das Resultat: zwei getötete Gorillababys. Was sind die Gründe für diese Attacken? Wir vermuten, dass es mit Wettbewerb zwischen den Spezies zu tun hat oder die Gorillababys möglicherweise als Beute interpretiert wurden. Es könnte aber auch sein das die Schimpansen die Gorillas als Eindringlinge in ihr Territorium wahrgenommen haben, ähnlich wie es auch bei anderen Schimpansengruppen der Fall ist.

Interesse mehr über diesen Vorfall zu erfahren? Dann folgt dem nachfolgenden Link zu unserer Publikation in der Zeitschrift Nature: https://www.nature.com/articles/s41598-021-93829-x


Wir hoffen, dass all das über was wir heute berichtet haben einen ungefähren Einblick in die interessante und komplexe soziale Welt der Schimpansen und der Forschung diesbezüglich gegeben hat. Nichtsdestotrotz gibt es noch viel weiteres zu entdecken!


Das ist jedoch erstmal alles was wir zu diesem Thema sagen wollen. Haltet euch bereit für weitere Beiträge.



Mit freundlichen Grüßen

Das Ozouga-Blogging-Team





Quellen:


  1. Gallup, G. G., Jr. Chimpanzees: Self-recognition. Science 167, 86-87 (1970)

  2. Kano, F., Krupenye, C., Hirata, S., Tomonaga, M., & Call, J. (2019). Great apes use self-experience to anticipate an agent's action in a false-belief test. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 116(42), 20904-20909. https://doi.org/10.1073/pnas.1910095116

  3. Boesch, C. Cooperative hunting in wild chimpanzees. Animal Behavior 48, 653-667 (1994).

  4. Luncz, L., Mundry, R., & Boesch, C. (2012). Evidence for Cultural Differences between Neighboring Chimpanzee Communities. Current Biology, 22(10), 922-926. doi: 10.1016/j.cub.2012.03.031

  5. Matt Brunette, JGI Canada Volunteer (2020, June 9). Do Chimpanzees Have Culture? Jane Goodall. https://janegoodall.ca/our-stories/chimpanzees-and-culture/

  6. Ekman, P., & Friesen, W. V. (1971). Constants across cultures in the face and emotion. Journal of Personality and Social Psychology, 17(2), 124–129. https://doi.org/10.1037/h0030377

  7. Ekman P. Should we call it expression or communication?. Innovations in Social Science Research, 1997, vol. 10 (pg. 333-44)

  8. Parr LA, Hopkins WD, de Waal FBM. The perception of facial expressions in chimpanzees (Pan troglodytes), Evolution of Communication, 1998, vol. 2 (pg. 1-23)

  9. Cohen-Brown, B. (2018, July 11). From Top to Bottom, Chimpanzee Social Hierarchy is Amazing! Jane Goodall’s Good for All News. https://news.janegoodall.org/2018/07/10/top-bottom-chimpanzee-social-hierarchy-amazing/

  10. de Waal, F. A century of getting to know the chimpanzee. Nature 437, 56–59 (2005). https://doi.org/10.1038/nature03999

  11. Murray Carson M., Stanton Margaret A., Lonsdorf Elizabeth V., Wroblewski Emily E. and Pusey Anne E. 2016 Chimpanzee fathers bias their behaviour towards their offspring, R. Soc. open sci.3160441160441

  12. https://releasechimps.org/chimpanzees/intellect-and-emotion

  13. http://www.conservenature.org/learn_about_wildlife/chimpanzees/chimp_mothering.htm